Grundgesetz vs Realität

Laut dem statistischen Bundesamt beläuft sich die Zahl der Einwohner der BRD auf 80,5 Millionen. Für alle diese 80,5 Millionen Einwohner muss das Grundgesetz gelten, in welchem laut Paragraphen 1 und 2 sowohl deren Würde unantastbar sei, als auch jedem einzelnen Bürger die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit zusteht.

So weit, so theoretisch. Denn wie soll in der Realität gerade §2 entsprochen werden? Man nehme §12 als Beleuchtungsbeispiel, das Recht auf freie Berufswahl, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte. Ich spreche nicht von den üblichen Hürden wie Verfügbarkeit der jeweiligen Arbeit, meine Intention geht viel tiefer. Ich spreche davon, dass es Menschen geben kann, die den Sinn ihrer Arbeit, ihres Berufes NICHT darin sehen, ein Einkommen zu erwirtschaften, sondern beispielsweise ihre Persönlichkeit zu entfalten oder vielleicht gar der Allgemeinheit zu dienen.

Warum wird es 80,5 Millionen Menschen, die alle ein Recht auf freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit haben, auferlegt, den Sinn ihrer Arbeit im Generieren von Einkommen zu sehen? So wird aus einem Recht eine PFLICHT. Denn das Recht auf freie Berufswahl wird de facto ein eine Pflicht zur Einkommensgenerierung verwandelt. Und zwar ungeachtet dessen, welche Einstellung jemand dazu hat.
Sollte beispielsweise jemandem daran liegen, unentgeltlich daran zu arbeiten, fortschrittliche Technologie zu schaffen und diese jedermann zur freien Verfügung zu stellen, so treten Automatismen in Kraft, die direkt in der faktischen Absetzung von §1 GG münden, da er nicht mehr in Erwerbstätigkeit steht und somit als hilfebedürftig im Sinne von SGB 2 gilt. Die Folge: HartzIV. Und als Bezieher von HartzIV darf er widerum nicht mehr in Vollzeit und unentgeltlich bzw. ehrenamtlich arbeiten. Er darf somit seiner Gemeinschaft keinen Dienst mehr leisten, weil er gezwungen wird, den Sinn seiner Arbeit einzig und allein im Erwerb von Einkommen zu sehen. Anderer Arbeit, also solche die nur der Entfaltung seiner Persönlichkeit oder dem unentgeltlichen Nutzen seiner Mitmenschen dient, darf er nicht nachgehen. Sinnentleerter Arbeit hingegen, solange sie nur der Schaffung von Einkommen dient, MUSS er nachgehen, ob sie nun gegen §1 und 2 GG widerspricht oder nicht.

Dieses Beispiel dient aber nur exemplarisch dafür, dass es gar nicht möglich ist, §2 GG in volle Anwendung zu bringen. Wie schon weiter unten aufgeführt, ist es eben nicht möglich, sich dem System des kapitalorientierten Kollektives zu entziehen, da alles, jede Einzelheit darauf angelegt ist, dieses System am laufen zu halten und nicht, das Grundgesetz in Anwendung zu bringen.

Die Freiheiten und Lippenbekenntnisse, welche der bundesdeutschen Bevölkerung zugestanden werden dienen letztendlich nur der Beruhigung derselben und dem aufrecht erhalten eines Anscheins, der de facto schon längst unübersehbar nicht mehr aufrecht zu erhalten ist. In einer „Demokratie“ in der man nur noch die Wahl hat zwischen erzwungener Erwerbsarbeit und Hunger und Obdachlosigkeit gibt es keinen Unterschied mehr zu einem Unrechtssystem. Denn ob die Hühner nun in der Legebatterie leben müssen oder in Freiland gehalten werden- Sie existieren nur, um dem Landwirt die Existenz zu sichern. Nur sind Freilandhühner eben etwas produktiver.

Im Fazit kann festgehalten werden, dass das Grundgesetz, welches im Grunde gar keine SO schlechte Idee ist, de facto in einem solchen System gar nicht zur Anwendung gebracht werden KANN, weil allein schon die ersten beiden Paragraphen schon lange keine Geltung mehr besitzen. Reisefreiheit, die Wahl der sexuellen und geschlechtlichen Identität, Religionsfreiheit und dergleichen sind als nichts anderes zu werten als oberflächliche Freiheiten. Denn ob man all diese Rechte in Anspruch nimmt oder nicht, so kann nicht darüber hinweg getäuscht werden, dass es wesentlich einschneidendere Pflichten gibt, die wesentlich mehr Einfluss haben als die Freiheiten.

Denn welche Einstellung auch immer ein Individuum haben mag, ob persönlich, politisch oder gesellschaftlich, faktisch kann dieses Individuum nichts unternehmen, das im Wesentlichen gegen systembildende Mechanismen steht. Und dabei spielt es keine Rolle, ob diese Einstellungen zum Schaden oder zum Nutzen der Allgemeinheit beitragen.

Schlicht gesagt- Man hat sich unterzuordnen, selbst wenn die individuellen Einstellungen und Wünsche niemandem schaden würden.

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